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Meine
Verwunderung ueber die schamanische Praxis von Ibu Jero ("Ibu" ist
gleichbedeutend mit den Worten "Mutter" bzw. "Frau" und ist gleichzeitig die
uebliche Anrede fuer Frauen auf Bali) wurde noch groesser, als ich
sehr nahe bei Jero und ihren Klienten Platz nahm. In einem kleinem Haustempel,
genannt "bali bale", sass Jero vor einer Statue, und um sie herum sassen ihre
Klienten mit deren ganzen Familie. In der Statue "wohnten" Jero`s geistige
Helfer oder "Hilfsgeister", die sich waerend der Trance in der Schamanin
manifestieren. Vor dem Trancemedium befand sich ein grosser Tisch, auf dem
reichlich Opfergaben, bestehend aus Speisen, Blumen, Raeucherwerk und vielen
anderen Dingen, lagen, die vor Beginn der schamanischen Seance nicht nur den
Goettern und Hilfsgeistern, sondern auch den Daemonen geweiht worden waren.
Was mich
so sehr verwunderte, war der Umstand, dass nicht nur der jeweilige Klient mit
Jero alleine war, sondern dass auch dessen ganze Familie und alle uebrigen
Ratsuchenden waehrend der einzelnen Seancen anwesend waren. Ich war verbluefft,
weil jeder Anwesende somit alle Details - auch die intimsten - von einem
Ratsuchenden erfahren konnte.
Man
stelle sich das mal bei uns vor. Man geht zu seinem Arzt und nimmt seine
Kinder, Eltern, Grosseltern und vielleicht noch den einen oder anderen Freund
mit. Bei einer schamanischen Seance auf Bali ist eine solche "Familienberatung"
anscheinend die natuerlichste Sache der Welt. Alle Anwesenden - auch gaenzlich
Aussenstehende - bekommen dabei alles mit, worum es dem jeweiligen
Ratsuchenden geht. Die Erschienenen erfahren, ob und welche Tabuuebertretungen
von einem Klienten begangen wurden, weshalb ein krankes Familienmitglied
gerade dieses Leiden hat und unter welchen Voraussetzungen es wieder gesund
werden wird.
Jero muss nicht erst
ihre Klienten fragen, warum sie zu ihr gekommen sind, denn die Geisthelfer
teilen auch diesen Umstand aus ihrem Munde dem jeweiligen Ratsuchenden mit.
Jero liess sich lediglich vom Klienten die Richtigkeit von dem bestaetigen,
was ihr die Geister "eingegeben" hatten. Die Geister teilten ihr auch mit, was
der jeweilige Klient zu tun oder zu unterlassen haette, um von seinem Leid
befreit zu werden oder um sein Problem zu loesen.
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